Kallmann, Siegmund

Kallmann, Siegmund, geb. 30.03.1883, wohnhaft Glockenhäuschen, verheiratet mit Paula Cahn, Eltern von Silver, geb. 1915, Herbert geb. 1917 und Fritz geb. 1925. 1937 ist die Familie in die USA ausgewandert. (siehe auch Bericht Bitburger Juden in den 20er und 30er Jahren)

Brief von Herbert Kallmann, geboren in Bitburg 1917, an die Bitburger Schülerin Bettina Rosenbaum:

Seite 1:
Denair, Ca, March 21 199[3]
Dear Bettina,
I was quite surprised to receive a letter from you
and must congratulate you for a letter of precise
purpose and practically devoid of grammatical errors
I do want to get right off to your chosen theme
“The Jewish congregation in Bitburg.” I can only tell you what I still remember rather vividly. I was born in Jan[uary 1917]
during the first World War. My father served in the arm[y]
I had an older brother (Silve) who–by the way passed awa[y]
3 years ago. I went to Kindergarden, which was run by the nuns and then attended public school and later in
Reform Gymnasium. During those early years Antisemit[ism]
was something we or I had never heard off. The Jewish
community was rather small. (I do believe either 11 or [12]
families-mostly Kallmann or Joseph) The Kallma[nn]
originated from Irrel. There were 2 families of Pelzer, wh[o]
had clothing stores, there was Isidor Meier and Kauf[mann who had a]
grain and fertilizer store. There were 2 brothers Sender
come from Sötern – Hunsrück; they furnished leather to
shoemakers. The Kallmann’s and Joseph’s were either
butchers or cattle dealers. We had a nice little community,
which I recall was well thought off. Previous generation
built a small synagogue, which we attended. – I ca[n]
still remember – maybe about 1930, when there was a
celebration in honor of the 75th anniversary of th[e]
establishment of that synagogue. The main speakers were
the Landrat and the Bürgermeister of Bitburg.§
Since the congregation was so small, they coul[d]
only afford to have a cantor, who also served as a
Jewish teacher. We had to go to Jewish instructions
every Sunday morning. I can recall that his nam[e]
was Mandel. He was quite strict. The Rabbi lived
in Trier. His name was Rabbi Altmann and I
understand that he in turn was quite good frien[d]
with the then Bishop of Trier Bornewasser. I unde[rstand]
that the Nazis made quite a stink about that. – My
father (Siegmund) was treasurer of the Synagogue fo[r]
long as I can remember. Everybody was assessed
according to their means to pay the cantor, charitable
purposes, etc. The poor were exempt. The Synagogue was
located, if I remember right, opposite the Meier on the

 

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Denair, Kalifornien, 21. März 1993
Liebe Bettina,
ich war ziemlich überrascht einen Brief von Ihnen zu erhalten und muss Ihnen gratulieren für einen Brief gerade in dieser Angelegenheit und praktisch frei von grammatikalischen Fehlern.
Ich möchte sofort zu Ihrem gewählten Thema kommen:
„Die jüdische Gemeinde in Bitburg.“ Ich kann Ihnen nur das erzählen, dessen ich mich noch ziemlich lebhaft erinnere. Ich wurde im Januar 1917 während des Ersten Weltkrieges geboren. Mein Vater diente in der Armee. Ich hatte einen älteren Bruder (Silve) der übrigens vor 3 Jahren verstorben ist. Ich ging zum Kindergarten, der von Nonnen geleitet wurde und besuchte danach die öffentliche Schule und später das Reform-Gymnasium.
In diesen frühen Jahren war Antisemitismus etwas, wovon wir oder ich nie etwas gehört hatten. Die jüdische Gemeinde war ziemlich klein. (Ich glaube entweder 11 oder 12 Familien – meist Kallmann oder Joseph). Die Kallmann haben ihren Ursprung in Irrel. Da waren zwei Familien Pelzer, die Bekleidungsgeschäfte führten, da war Isidor Meier und Kaufmann, die ein Getreide- und Düngergeschäft hatten.
Da waren zwei Brüder Sander, die von Sötern aus dem Hunsrück kamen. Sie belieferten Schuhmacher mit Leder. Die Kallmanns und die Josephs waren entweder Metzger oder Viehhändler. Wir hatten eine schöne, kleine Gemeinde, die nach meiner Erinnerung wohl angesehen war. Die Vorgeneration baute eine kleine Synagoge, die wir besuchten. Ich kann mich noch erinnern, vielleicht etwa 1930, gab es eine Feier aus Anlass des 75-jährigen Jubiläums der Gründung der Synagoge. Die Hauptredner waren der Landrat und der Bürgermeister von Bitburg.
Da die Gemeinde so klein war, konnte sie sich nur einen Kantor leisten, der ebenso als jüdischer Lehrer tätig war.
Wir mussten jeden Sonntagmorgen zum jüdischen Unterricht gehen. Ich erinnere mich, dass sein Name Mandel war. Er war sehr streng. Der Rabbi lebte in Trier. Sein Name war Rabbi Altmann und wie man hört, war er wiederum ziemlich gut mit dem Trierer Bischof Bornewasser befreundet. Es heißt, dass die Nazis sich darüber ziemlich aufregten – Mein Vater (Siegmund) war Schatzmeister der Synagoge solange ich mich erinnern kann. Jeder gab seinen Beitrag dazu, je nach seinen Möglichkeiten, um den Kantor zu bezahlen, für karitative Zwecke etc. Die Armen waren befreit.
Die Synagoge befand sich, wenn ich mich richtig erinnere, gegenüber von den Meiers auf der 
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Corner of the Neuerburgerstr. & Grünersee. In the early part
of the 1930’s I recall the Brownshirts arriving in big
Merc[edes]
black roadsters congregating at the Grünensee and Kölne[r Straße]
what is now the “Eifelbräu”. There was a restaurant a[nd]
a movie theater and the katholic Library next door. It
started to become rather uneasy for us especially [unleserlich]
we heard news about the Hitler movement from Radi[o]
Luxemburg. Those brownshirts surely were not from Bi[tburg]
since we did not recognize a single one; they proba[bly]
were imports from Trier or so.
In the meantime reading the news in the Tr[ier]
Landeszeitung, it became obvious that an ill wind [was]
blowing, and we feared for our future. When Hitler [finally]
came to power in 1933 (even though the only received 172 [votes]
in Bitburg) I knew that I could not continue my educa[tion]
since Years could not go to college according to all [the]
rhetoric. My brother had only one more year to go, so [he]
was able to finish and he became apprentice in a
chemical laboratory in Düsseldorf with a Jewish Firm he became inorg[anic]
Chemist, made it his lifetime professions, emigrated to
U.S. in 1936 and made himself quite a name in hi[s]
Field. I left school in 1933, could have had a position in the [office]
of Simonbräu; but they warned me that it was going to [be]
only a matter of time before they could not employ Je[ws]
anymore. So instead I moved away from Bitburg to
Rülzheim/Pfalz (near Landau). The birthplace of my M[other.]
There I started working in my uncle’s cigar factory, [what]
was a family operation – as an apprentice and b[ook]
keeper. Occasionally I would come back to Bitb[urg]
to visit. It became more scary all the time. With all
ravings of Göbbels + Hitler you just didn’t feel sa[fe]
anymore. I recall seeing a former classmate of mi[ne]
by the name of Ernst Kollnot approaching me in a
HJ uniform; he was trying to explain. – but that wa[s]
too much for me. I just ignored him. – In 1935 my
father met a former resident, (who was a blacksmith) whi[le]
taking the train to Trier, he wanted to move back to
Germany. He had a small place in Recklingen near
Mersch in Luxemburg. He offered to trade his place
for ours in Glockenhäuschen since the people in
Luxemburg were boycotting all the Germans. It [took]
quite some persuasion on the part of my brother [and]
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Ecke zwischen Neuerburgerstr. & Grünersee.
Ich erinnere mich, dass in den frühen 1930er Jahren die Braunhemden in großen schwarzen Mercedes-Wagen am Grünen See und in der Kölner Straße zusammenkamen, wo jetzt das Eifelbräu ist. Dort war ein Restaurant und ein Kino und die katholische Bücherei nebenan. Es begann ziemlich schwierig zu werden für uns, besonders nach dem, was wir von Radio Luxemburg hörten. Diese Braunhemden waren sicher nicht aus Bitburg, wir kannten keinen einzigen, sie waren wahrscheinlich aus Trier oder so.
In der Zwischenzeit, während dem Lesen der Nachrichten in der Trier Landeszeitung, wurde offensichtlich, dass ein kranker Wind wehte und fürchteten um unsere Zukunft. Als Hitler schließlich 1933 an die Macht kam (auch wenn nur 172 Stimmen aus Bitburg kamen), wusste ich, dass ich meine Ausbildung für Jahre nicht sollte fortsetzen können und auch nicht zur Universität gehen, nach dem, was man so hörte.
Mein Bruder hatte nur noch ein Jahr zu Schule zu gehen, daher war er in der Lage die Schule zu beenden und er wurde Lehrling in einem chemischen Labor in Düsseldorf in einem jüdischen Unternehmen und wurde anorganischer Chemiker, es sollte für ein ganzes Leben sein Beruf werden, er emigrierte 1936 in die USA und machte sich einen Namen auf seinem Gebiet.
1933 verließ ich die Schule, hätte eine Stellung im Büro des Simonbräu haben können; aber sie warnten mich, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis sie keine Juden mehr beschäftigen könnten. So zog ich weg von Bitburg nach Rülzheim/Pfalz (bei Landau), dem Geburtsort meiner Mutter. Dort arbeitete ich in der Zigarrenfabrik meines Onkels, einem Familienunternehmen, als Lehrling und Buchhalter. Gelegentlich kam ich zu Besuch zurück nach Bitburg. Es wurde immer beängstigender. Bei all den Wutreden von Goebbels und Hitler hat man sich einfach nicht mehr sicher gefühlt. Ich sehe noch vor mir wie ein früherer Klassenkamerad namens Ernst Kollnot in HJ-Uniform auf mich zukam; er versuchte sich zu erklären - aber das war zu viel für mich. Ich habe ihn einfach ignoriert. - 1935 traf mein Vater im Zug nach Trier einen früheren Anwohner, der Schmied war. Er hatte ein kleines Haus in Reckingen bei Mersch in Luxemburg. Er bot an, sein Haus gegen unseres im Glockenhäuschen zu tauschen weil die Menschen in Luxemburg alle Deutschen boykottierten.
Es benötigte einige Überzeugungsarbeit seitens meines Bruders und
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myself to convince our parents to make the move. We [could]
see the inevitable coming. There, they kept some chicken[s]
and raised calves etc. in other words a small farm operat[e.]
After my parents left, I had no real reason to return [to]
Bitburg very often. I could see all the trouble developing [when]
Living in Rülzheim. Gradually life became just about
Tolerable. You could not go to the movies – there were
Telling Jews and Gypsy (Zigeuner) not allowed. It was h[ard]
for friends just to meet; there was most always a Sto[ol]
Around. Twice, in the middle of the night the Gestapo
Came to arrest 2 of my uncles; they did let them g[o]
Unharmed though since they seemingly had nothing.
It became so intolerable that in 1937 I decided to go.
In July 1938, after I received my passport I went to the [U.S.]
Consulate in Stuttgart and received my Visa; m[y]
Uncle in the U.S. (my mother’s brother had vouched)
I came to Bitburg one more time before I depart[ed]
to visit my uncle Silve; he was in fear and though[t]
I was making a big mistake. Her really believed th[at]
Hitler’s days were numbered. Was he ever mistake[n]
His whole family perished in the Holocaust.
The rest is history. I left July 18th from Le [Havre]
France and 10 days later landed in New York. In 193[9]
just before the outbreak of the war, we were able to ha[ve]
our parents come over here on a farmers quota. [unleserlich]
them on a rented farm.
They could really never
assimilate and finally moved to the City. I
continued on farming; it became my lifetime pr[ofession]
I could write books about all the problems a tribula[tion]
incurred but we finally made it.
Yes, we came back to Bitburg in 1973, wh[en]
our son was stationed in England in the airforce,
then again in 1987 we, together with friends, visit
the area and stayed there for about a week. We sp[ent]
some time with my old friend Jos. Schmitt, Nansenstras[se]
Bitburg. (I was friends with him from Kindergarten right through school) We looked at the destroyed country
as well as the one in Irrel and exchanged old
memories. We are still writing each other on occasi[on.]
I was sure that Mr. Schmitt would be very helpful. H[ere]
is another person whose you could contact; Her name [is]
Mrs. Gerta Gillen – Weber, Glockenhäuschen in Bitbur[g.]
She will be able to furnish you with addresses of
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von mir selbst, um unsere Eltern von einem Umzug zu überzeugen. Wir konnten das unvermeidliche kommen sehen. Dort hielten sie einige Hühner und zogen Kälber etc. auf, mit anderen Worten: Sie betrieben eine kleine Farm.
Nachdem meine Eltern abreisten, hatte ich keinen richtigen Grund mehr um sehr oft nach Bitburg zurückzukehren. Als ich in Rülzheim lebte, konnte ich sehen, wie all die Schwierigkeiten sich entwickelten. Nach und nach wurde das Leben kaum noch zu ertragen. Du konntest nicht ins Kino gehen – Es hieß, dass es Juden und Zigeuner nicht erlaubt sei. Es war schwierig Freunde zu treffen; da war fast immer irgendwo ein Spitzel.
Zweimal kam mitten in der Nacht die Gestapo, um zwei meiner Onkel zu verhaften; sie ließen sie unverletzt gehen, da sie scheinbar nichts hatten. Es wurde so unerträglich, dass ich 1937 entschied zu gehen. Im Juli 1938, nachdem ich meinen Ausweis erhalten hatte, ging ich zum US Konsulat in Stuttgart und erhielt mein Visum; mein Onkel in den Vereinigten Staaten (der Bruder meiner Mutter hatte gebürgt).
Vor meiner Abreise kam ich noch einmal nach Bitburg um meinen Onkel Silve zu besuchen; er war in Sorge und dachte, ich mache einen großen Fehler. Er glaubte wirklich, dass Hitlers Tage gezählt seien. Wie hat er sich geirrt! Seine ganze Familie ist im Holocaust umgekommen.
Der Rest ist Geschichte. Ich reiste am 18ten Juli von Le Havre, Frankreich, ab und landete 10 Tage später in New York. 1939, kurz vor dem Ausbruch des Krieges, konnten wir unsere Eltern herüber bringen. [ weitere Übersetzung unsicher, etwa: Ich brachte sie auf eine gemietete Farm.]
Sie konnten sich nie wirklich integrieren und zogen schließlich in die Stadt. Ich arbeitete weiter in der Landwirtschaft; es wurde mein Beruf.
Ich könnte Bücher über die Probleme und das ertragene Leid schreiben, aber schließlich haben wir es alle geschafft.
Ja, wir kamen zurück nach Bitburg im Jahr 1973, als unser Sohn, der bei der Air-Force in England stationiert war, dann nochmals im Jahr 1987 zusammen mit Freunden. Wir besuchten die Gegend und blieben für ungefähr eine Woche.
Wir verbrachten einige Zeit mit unserem alten Freund Jos. Schmitt, Nansenstraße Bitburg. (Ich war mit ihm befreundet vom Kindergarten bis zur Schule) Wir schauten uns das zerstörte Land an sowie das in Irrel und tauschten alte Erinnerungen aus. Wir schreiben uns gelegentlich immer noch.
Ich bin sicher, dass Mr. Schmitt sehr hilfreich sein könnte. Hier ist eine weitere Person, welche Sie kontaktieren könnten; der Name ist Frau Gerta Gillen – Weber, Glockenhäuschen in Bitburg. Sie kann Ihnen die Adresse
 
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The former Ruth Joseph, who resides in San Diego (C[al.),]
As well as Arthur Kallmann, the son of Sally Kall[mann]
Residing in Erie, Pa. – One of the Senders is [also]
Alive and could try to get his address if you
Desire.
Could you let us know, who the 8 people a[re]
who you contacted? Also – your name sounds Je[ws]
am I correct? Where do you come from? Also y[our]
old religious teacher Mr. Pelzer – do I possibly [know]
his parents or grandparents? How did you get to write to [me]?
I do hope that this letter will be of
Help to you in your endeavor and I think that [it]
Is a great undertaking. I hope that you have a good [success.]
If I can be of further assistance, pl[ease]
Feel free to call on me
Sincerely yours,
Herbert Kallmann

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der früheren Ruth Joseph geben, welche in San Diego (Cal.) lebt, sowie die von Arthur Kallmann, dem Sohn von Sally Kallmann, wohnhaft in Erie, Pennsylvania. Einer von den Senders ist immer noch am Leben und wenn sie möchten, versuche ich seine Adresse zu erhalten.
Könnten Sie uns sagen, wer die 8 Personen sind, die Sie kontaktierten? Des Weiteren – Ihr Name klingt jüdisch – liege ich richtig? Wo kommen Sie her? Des Weiteren Ihr alter Religionslehrer Mr. Pelzer – kenne ich möglicherweise seine Eltern oder Großeltern? Wie kamen Sie darauf mir zu schreiben?  

Ich hoffe, dass dieser Brief eine Hilfe für Sie in Ihren Bemühungen war und ich denke, dass dies ein gutes Unterfangen ist. Ich hoffe Sie haben großen Erfolg.
Wenn ich Ihnen weiter behilflich sein kann, dann bitte zögern Sie nicht und rufen Sie mich an
Mit freundlichen Grüßen
Herbert Kallmann

 

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