Bitburger Juden in den 1920er und 1930er Jahren

„We had a nice little community“ („wir hatten eine hübsche kleine Gemeinde“), erinnert sich Herbert Kallmann (1917-1999) in einem Brief aus dem Jahr 1993 an seine Jugend in Bitburg. [1] Die dortige Synagoge war einst der Mittelpunkt einer kleinen Landgemeinde, wie es sie damals zu Hunderten in Deutschland gab. Ihre besten Jahre hatte die jüdische Gemeinde vor dem Ersten Weltkrieg erlebt. Damals, 1906, bestand sie aus 72 Mitgliedern. Bis zum Jahr 1925 war deren Zahl auf 60 zurückgegangen.

In dieser Zeit machten sich in Deutschland wieder verstärkt antisemitische Strömungen bemerkbar: Juden wurden zum Sündenbock für die Misere der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg erklärt – vor allem von den Gegnern der noch jungen Demokratie. In Bitburg, aus der Perspektive des jungen Herbert Kallmann, scheint das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden damals noch unbelastet gewesen zu sein: „In diesen frühen Jahren war Antisemitismus etwas, wovon wir oder ich nie etwas gehört hatten. (…) Ich kann mich noch erinnern, dass – es mag etwa um 1930 herum gewesen sein - eine Feier stattfand aus Anlass des 75-jährigen Jubiläums der Gründung der Synagoge. Die Hauptredner waren der Landrat und der Bürgermeister von Bitburg.“ [2]

Herbert Kallmann wurde am 06.01.1917 in Bitburg geboren. Seine Familie bewohnte ein Haus im Glockenhäuschen. Vater Siegmund Kallmann stammte aus Irrel und war Viehhändler und der Schatzmeister der Synagoge. Die Mutter war Paula Kahn aus Rülzheim/Pfalz. Herbert Kallmann hatte einen älteren Bruder namens Silve (geb. 13.02.1915 in Bitburg), der 1937 nach Amerika auswanderte und dort ein erfolgreicher Chemiker wurde. Ein zweiter „Silve Kallmann“ war der Bruder von Vater Siegmund. Er lebte 1938 mit seiner Familie in der Kölner Straße 4.

Herbert Kallmanns Brief macht aber auch deutlich, wie gefährdet das gern zitierte vertraute Miteinander von Juden und Nichtjuden war, und wie rasch sich diese Situation ändern sollte. Anfang der 1930er Jahre erlebte er erstmals einen Auftritt der Nationalsozialisten in der Stadt: „Ich erinnere mich, dass in den frühen 1930er Jahren die Braunhemden in großen schwarzen Mercedes-Wagen am Grünen See und in der Kölner Straße zusammenkamen, wo jetzt das Eifelbräu ist. Dort waren ein Restaurant und ein Kino und die katholische Bücherei nebenan. Es begann ziemlich schwierig zu werden für uns, besonders nach dem, was wir von Radio Luxemburg hörten. Diese Braunhemden waren sicher nicht aus Bitburg, wir kannten keinen einzigen, sie waren wahrscheinlich aus Trier oder so.“

Mit der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 begann die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland. Begleitet vom Terror der SA-Schlägertrupps schränkten die braunen Machthaber in den folgenden Wochen systematisch politische und demokratische Rechte ein. Auch die Bitburger NSDAP feierte kurz darauf eine erste deutliche Demonstration ihrer neuen Macht. Am 12. Februar 1933 veranstaltete sie, unterstützt von auswärtigen SA-Leuten, einen Aufmarsch mit mehreren Hundert Teilnehmern. Die Aktion richtete sich offenbar gezielt gegen die Zentrumspartei, deren Delegierte an diesem Tag eine Versammlung im katholischen Vereinshaus abhielten (das heutige Haus der Jugend). Während die Bitburger Zeitung dem Aufmarsch am nächsten Tag nur eine nüchterne Meldung widmete, triumphierte das Trierer Nationalblatt am 16.02.1933: „In dem sonst so ruhigen Städtchen herrschte heute ungewohntes Leben und Treiben. Auch Bitburg, die schwarze Hochburg des Zentrums, ist erwacht. Denkt nationalsozialistisch! Denn am Sonntag war in Bitburg großer SA-Aufmarsch.“[3]

Für die NSDAP stellte sich der Kreis tatsächlich als außerordentlich schwer zu gewinnen dar. In einem internen Schreiben der Partei heißt es noch 1940 zur Begründung, „der Einfluß der Klerikalen war außerordentlich stark.“[4] Und nicht umsonst musste die Partei ab 1933 zahlreiche ihrer Führungsfiguren von außerhalb beziehen, mit denen sie Bürgermeisterposten und andere leitende Positionen besetzte.

Die Erinnerung an diese durchaus deutliche Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie in dem katholisch geprägten Milieu spielte nach 1945 eine große Rolle für das Selbstverständnis der Menschen in Bitburg und in der Eifel. Aufschlussreich für die Einstellung in der Bevölkerung insgesamt ist aber insbesondere das Ergebnis der Reichstagswahl vom 5. März 1933. [5]

Es war die letzte Wahl, an der andere Parteien überhaupt noch teilnehmen konnten. Die Zahlen machen einerseits deutlich, wie sich in Bitburg und dem stark katholisch geprägten Umland bis dahin die Zentrumspartei als politische Kraft gegen die NSDAP behaupten konnte: Mit 42,8% in der Stadt und 49,8% im Kreis Bitburg lag sie deutlich vor der NSDAP, die hier 34,6% und 36,3% erreichte. Allerdings folgte schon auf dem dritten Platz mit 13,2 % und 7,8 % eine weitere ausgesprochen antisemitische Gruppierung, die Kampffront Schwarzweißrot / Deutschnationale Volkspartei. Unter den weiteren Parteien bleibt vor allem die SPD zu nennen, die sich Hitler mit 5,2% in der Stadt Bitburg und 2,9% im Kreis entgegenstellte. Es bleibt also festzuhalten, dass am 5. März 1933 immerhin fast die Hälfte der Wähler ihre Stimme einer rechtsradikalen, judenfeindlichen Partei gab, in der Stadt zu 47,8%, im Kreis zu 44,1%.

 

 

Ergebnis der Reichstagswahlen vom 5.3.1933

 

Stadt Bitburg

Kreis Bitburg

 

absolut

%

absolut

%

NSDAP

765

34,6

8.981

36,3

SPD

114

5,2

706

2,9

KPD

61

2,8

589

2,4

Zentrum

945

42,8

12.312

49,8

Schwarzweißrot

292

13,2

1.941

7,8

DVP

31

1,4

181

0,7

Staatspartei

1

0,0

20

0,1

Summe

2.209

100,0

24.730

100,0

Wahlberechtigte / Wahlbeteiligung

2.508

88,1

30.639

80,7

Quelle: Bitburger Zeitung vom 6. März 1933.

Bis 1933 hatte die NSDAP in Bitburg und im Umland letztlich genügend Anhänger in allen sozialen Schichten gefunden, um sich in Ortsgruppen zu organisieren. Demgegenüber war die Widerstandskraft der Zentrumspartei im Reichstag schon am 23. März 1933 an ihren Grenzen angelangt. An diesem Tag gab die Fraktion ihre Zustimmung zu Hitlers fatalem Ermächtigungsgesetz. Es sollte der Anfang vom Ende der Partei werden: unter dem Druck der Nationalsozialisten beschloss sie am 5. Juli 1933 die Selbstauflösung.

Auch für Herbert Kallmann wurde das Jahr 1933 zu einem entscheidenden Wendepunkt. Über das, was er in seiner Heimatstadt noch erwarten konnte, erhielt er rasch Klarheit „1933 verließ ich die Schule, hätte eine Stellung im Büro des Simonbräu haben können; aber sie warnten mich, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis sie keine Juden mehr beschäftigen könnten. So zog ich weg von Bitburg nach Rülzheim/Pfalz (bei Landau), dem Geburtsort meiner Mutter. Dort arbeitete ich in der Zigarrenfabrik meines Onkels, einem Familienunternehmen, als Lehrling und Buchhalter. Gelegentlich kam ich zu Besuch zurück nach Bitburg. Es wurde immer beängstigender. Bei all den Wutreden von Göbbels und Hitler hat man sich einfach nicht mehr sicher gefühlt. Ich sehe noch vor mir wie ein früherer Klassenkamerad namens Ernst Kollnot in HJ-Uniform auf mich zukam; er versuchte sich zu erklären - aber das war zu viel für mich. Ich habe ihn einfach ignoriert.“

Zu den frühen Formen staatlicher Unterdrückung gehörte seit dem 7. April 1933 der "Arierparagraph", der die Beschäftigung von "Nichtariern" im öffentlichen Dienst verbot (Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums). Am 15. September 1935 folgten die „Nürnberger Rassegesetze“, in denen die jüdischen Mitbürger zu Menschen minderen Rechts herabgesetzt wurden.

Während der staatliche Unterdrückungsapparat so das Leben immer weiter erschwerte, kam den Kallmanns ein eigenartiger Zufall zu Hilfe: „1935 traf mein Vater im Zug nach Trier einen früheren Anwohner, der Schmied war. Er hatte ein kleines Haus in Reckingen bei Mersch in Luxemburg. Er bot an, sein Haus gegen unseres im Glockenhäuschen zu tauschen, weil die Menschen in Luxemburg alle Deutschen boykottierten.“ Die Brüder Kallmann setzten alles daran, ihre Eltern von dieser Idee zu überzeugen. So zog das Ehepaar nach Reckingen und betrieb dort eine kleine Landwirtschaft mit Hühnern und Rindern. Silve schloss 1937 in Köln sein Chemiestudium ab und emigrierte im selben Jahr in die Vereinigten Staaten. Auch Herbert Kallmann bereitete jetzt seine Ausreise vor. Kurz vor der Abfahrt von Le Havre am 18. Juli 1938 besuchte er ein letztes Mal seine Heimatstadt: „Vor meiner Abreise kam ich noch einmal nach Bitburg um meinen Onkel Silve zu besuchen; er war in Sorge und dachte, ich mache einen großen Fehler. Er glaubte wirklich, dass Hitlers Tage gezählt seien. Wie hat er sich geirrt! Seine ganze Familie ist im Holocaust umgekommen.“

Bis 1938 haben zahlreiche Bitburger Juden die Stadt verlassen. Schon bei der Volkszählung vom 16.06.1933 wurden nur noch 51 jüdische Einwohner verzeichnet; am 10.10.1938 waren es nur noch 11. Die meisten haben sich in die Vereinigten Staaten retten können, auch die Eltern der beiden Kallmann-Brüder folgten ihren Söhnen. Danach wurde es immer schwieriger sich ins Ausland zu retten. Viele, denen die Flucht in die zunächst freien westlichen Nachbarländer gelang, gerieten dort später in die Fänge der deutschen Besatzer.

Wie die Ausgrenzung der jüdischen Familien in Bitburg ihren Anfang nahm, lässt sich nur vermuten. Schon am 1. April 1933 hatte die NSDAP zum Boykott jüdischer Geschäfte in ganz Deutschland aufgerufen. Im benachbarten Wittlich zogen an diesem Tag SA-Männer unter Trommelspiel durch die Straßen und stellten sich vor den jüdischen Geschäften auf. Wie der Boykott in Bitburg befolgt wurde, ist nicht überliefert. Allerdings fällt auf, dass die Geschäfte mit jüdischen Inhabern bald nicht mehr im Anzeigenteil der Bitburger Zeitung vertreten waren. Dies spricht dafür, dass sich die Situation auch in Bitburg spürbar verschlechtert hatte. Umgekehrt sollte später die Bezeichnung „arisches Unternehmen“ zum Werbeargument in der Zeitung werden (1935). Schilderungen zu den Geschehnissen sind selten geblieben. Immerhin konnten in den vergangenen Jahren einige Zeitzeugenberichte zusammengetragen werden. Sie stammen von Menschen, die damals als Kinder oder Jugendliche noch wenig in die Geschehnisse eingebunden waren, die Vorgänge aber durchaus erfassen konnten.

Walter Thielgen, Jahrgang 1929, erinnerte sich, wie er eines Tages mit seiner Großmutter auf dem Weg war zum Textilgeschäft Pelzer (Hauptstraße/Ecke Schliezgasse, damals genannt der „obere Pelzer“, im Gegensatz zum „unteren Pelzer“ am Spittel). Es war 1938, das Jahr seiner Erstkommunion. Vor dem Laden wurden sie von Männern fotografiert und seine Großmutter habe darüber geschimpft.[6]

Zu dieser Beobachtung passt eine Meldung der Bitburger Zeitung vom 13.05.1938, der zufolge einem Beamten oder Angestellten, der in jüdischen Geschäften Waren bezieht, fristlos gekündigt werden könne.

Direkte feindselige Aktionen gegen jüdische Familien sind in Bitburg ab 1936 bekannt: Familie Victor Joseph (damals An der Römermauer 9) erhielt seit 1936 telefonische Anrufe, in denen sie übel beschimpft wurde. Eines Sonntagmorgens mussten sie feststellen, dass die Fassade ihres Hauses mit Teer verschandelt worden war. Im April 1937 wanderten sie nach Amerika aus (siehe Video [Link zum Video „Familie Joseph wird bedroht]). Im Görenweg wohnte bis zum 20.12.1937 Salomon Kallmann mit seiner Familie. Ein Arbeiter der Brauerei, der in Rittersdorf lebte, kam regelmäßig dort vorbei und sang eines der Hasslieder der SA: „Stellt die Juden an die Wand!“ [7] Auf einem Schild in einer Bitburger Bäckerei war spätestens Anfang der 1940er Jahre zu lesen: „Hier werden keine Juden bedient“ (siehe Video [Link zum Video „Hier werden keine Juden bedient“]).

Offene Aggression gegen Juden war umso leichter möglich, je weniger sie in ihrem sozialen Umfeld eingebettet waren. Vor diesem Hintergrund versuchte die Verwaltung, gewachsene nachbarschaftliche Beziehungen zu unterbinden und Juden zu gettoisieren. So wurden jüdische Familien ab 1939 gezwungen, aus ihren angestammten Wohnungen in „Judenhäuser“ umzuziehen (Vgl. hierzu die Verfügungen zu Wohnungsräumungen unter „Dokumente“).

Nicht zu unterschätzen ist schließlich die Wirkung althergebrachter Vorurteile, die in der Bevölkerung durchaus vertreten waren. Ein Satz wie „wenn man die Juden hinten zum Haus raus geschickt hat, sind sie vorne wieder rein gekommen“ spielt an auf das Klischee des hartnäckigen jüdischen Händlers, den man sich besser vom Leib halten sollte. Ähnlich ist der Rat eines Vaters an seine Tochter zu verstehen, wenn er ihr als junges Mädchen dazu riet, sich von den Juden fern zu halten. [8] Das Anknüpfen an überlieferte antisemitische Vorstellungen erleichterte die weitere Ausgrenzung; sie schlug schließlich um in offene Verfolgung, wie sie am 9./10. November 1938 einen vorläufigen Höhepunkt finden sollte.

Burkhard Kaufmann

 


[1] Datiert 21.03.1993, Original handschriftlich in englischer Sprache, Übertragung und Übersetzung: Burkhard Kaufmann. Herbert Kallmann lebte damals in Denair / Kalifornien, und antwortete damit der Bitburger Schülerin Bettina Rosenbaum. Sie hatte ihn gebeten, für eine Facharbeit am Bitburger Gymnasium seine Erinnerungen an das Leben der Juden in Bitburg zu erzählen. Ein Exemplar der Arbeit, die unter anderem auch eine Kopie dieses Briefes enthält, befindet sich im Stadtarchiv Bitburg und ist als PDF-Dokument auf dieser Seite abrufbar.

[2] Die Einweihung der Synagoge fand am 21.09.1878 statt, es dürfte sich also eher um die 50-Jahrfeier gehandelt haben, die für das Jahr 1928 anstand.

[3] Trierer Nationalblatt vom 16.02.1933, zit. nach Neu, in: Geschichte von Bitburg, Trier 1965, 481.

[4] Bitburger Zeitung vom 6. März 1933.

[5] Zitiert nach: Mario Zeck: Das Schwarze Korps: Geschichte und Gestalt des Organs der Reichsführung SS. Tübingen 2002. S. 268 ff.

[6] mündlicher Bericht von Walter Thielgen, Hahnenberg 63, Bitburg, (*29.04.1929, +16.11.2012), am 25.08.2008).

[7] mündlicher Bericht von Frau Maria Klein, Stockstraße 43, Bitburg, am 10.04.2008.

[8] Mündlicher Bericht von Frau NN., Bitburg.

 

 

 

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