Pogromnacht 1938 – Deportation - Ermordung

Das Unfassbare“ - so hat man vor Jahren das bezeichnet, was sich im Naziregime zugetragen hat: Fast 6 Millionen Juden verloren ihr Leben. Auschwitz, Treblinka, Sobibor: Es sind Namen des Grauens, mit denen wir das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte verbinden.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit hat man nicht oder kaum über „das Unfassbare“ gesprochen, in den Schulen wurden die Gräuel nicht erwähnt.

In unserem Geschichtsunterricht, ich machte 1956 das Abitur, ist nie ein Wort über diese Verbrechen gefallen, und auch als junger Lehrer ließ man uns lange im Ungewissen, selbst die ersten Geschichtsbücher der Nachkriegszeit erwähnten die ungeheuren Taten nicht – oder aber nur mit ganz wenigen Sätzen. Es ist heute nicht zu spät, darüber zu berichten.

Wer bis 1938 noch geglaubt hatte, das Schlimmste werde den jüdischen Mitbürgern erspart bleiben, musste Anfang November erkennen, dass die Nazis vor nichts zurückschreckten. In der Nacht vom 9. auf den 10. November rückten in Bitburg organisierte Trupps von SA-Männern und fanatisierten Parteianhängern an. Sie wurden aus Oberweis, Wittlich und Baustert, vielleicht auch aus anderen Orten herangebracht. Gleichzeitig wurden die Bitburger SA-Leute nach Wittlich abgeordnet.

Die in Bitburg eintreffenden Nazis verschafften sich Zugang zur Synagoge, die an der Ecke Neuerburger Straße/Rautenberg stand. Die Inneneinrichtung wurde weitgehend zerstört, das Gebäude geschändet. Die kleine Synagoge war 1878 eingeweiht worden, an den Feierlichkeiten hatten damals auch die Vertreter der städtischen Behörden und zahlreiche Christen teilgenommen. Bereits zwei Monate vor den Verwüstungen hatte der Bitburger Synagogenvorsteher, Isidor Meier, dessen Haus an der Ecke Neuerburger Straße/Karenweg stand, die Stadt verlassen und sich zu seiner Tochter nach Köln begeben.

In derselben Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 rückten kleine Trupps aus, um die jüdischen Geschäfte in der Stadt aufzusuchen. Die Nazis beschmierten die Schaufenster mit Teer. Auf dem kleinen jüdischen Friedhof wurden die Grabsteine umgeworfen und die Gräber geschändet. Am Morgen des 10. November setzten die fremden SA-Männer in verschiedenen jüdischen Wohnungen ihr willkürliches Treiben fort. Joseph Pelzer, damals ein Junge von 11 Jahren, beobachtete am nächsten Morgen von der Straße aus, was sich in der Nachbarschaft ereignete. Er berichtete noch im Jahre 2000: „Das wird´ ich nie vergessen. Ein Mann in brauner SA-Uniform schlitzte mit einem Messer in der Wohnung Kallmann in der Kölner Straße Matratzen auf. Dann nahm er ein Beil und zertrümmerte Stühle und Tische und warf alles durch das eingeschlagene Fenster auf die Straße. Das werd´ ich nie vergessen.“ Die eingeschüchterten Juden hatten keine Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, die Bitburger Bürger blieben – soweit bekannt ist – sprachlos. Einige Juden wurden, weil sie offenbar dem Treiben Einhalt gebieten wollten, in Schutzhaft genommen. Dazu besitzt das Stadtarchiv Bitburg ein amtliches Schreiben:

002 Verhaftung Sybilla Joseph

Von den bis dahin in Bitburg verbliebenen 11 Juden wurden fast alle deportiert und ermordet. Sybilla Joseph soll laut Krankenakte am 28.01.1940 in der Nervenheilanstalt Andernach verstorben sein, Hermann Meier, Mötscher Straße 10, starb 1940 in Bitburg. Wenn sie blieben, weil ihnen offenbar die finanziellen Mittel fehlten Bitburg zu verlassen, dann in der Hoffnung, dass es nicht mehr schlimmer kommen könne. Diesen Standpunkt vertrat auch die Familie S. Kallmann aus der Kölner Straße. Der Vater Silve Kallmann (geb. 1888) berief sich immer wieder darauf: „Ich habe das Eiserne Kreuz aus dem 1. Weltkrieg, man wird uns nichts tun.“ Er sollte sich täuschen. Er blieb mit Frau und Kindern in der Stadt und gehörte zu den Personen, die als letzte 1942 deportiert wurden. Das Ziel dieses Transports, der in Trier zusammengestellt wurde, ist unbekannt. Schließlich wurden sie in Belzec ermordet.

Niemand von denen, die in stiller Hoffnung ausgeharrt und geblieben waren, überlebte. Der letzte Bitburger Synagogenvorsteher Isidor Meier, der zunächst nach Köln gezogen war, verließ Deutschland rechtzeitig und ging nach Amsterdam. Aber die Flucht aus Amsterdam gelang ihm nicht mehr. Er wurde zusammen mit seiner Frau Sophie von Holland aus nach Sobibor verschleppt, wo beide den Tod fanden. Ihr Sohn Arnold hatte sich noch rechtzeitig über London nach USA in Sicherheit bringen können. Auch der angesehene Geschäftsmann Leo Kaufmann war über Köln nach Holland gegangen. Aber auch er wurde dort verhaftet und in Auschwitz ermordet. Ähnlich wie bei seinem Nachbarn Meier hatte er seine beiden Kinder rechtzeitig in Sicherheit bringen können.

Peter Neu

 

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